Gleichschaltung
Privates Parallelrechnen im Internet
aus: "c't" 22/2001 vom 20. Oktober 2001
Millionen hochgezüchteter Maschinen hängen am Internet und lechzen geradezu nach Arbeit. Mit den Möglichkeiten des verteilten Rechnens kann jetzt jeder Netz-Nutzer seinem Zahlenfresser ordentlich zu beißen geben. Die Geschmackspalette reicht dabei von der Börsenprognose über das Rendering von Filmen bis zur Krebsforschung.
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Börsenbiene
Wollten Sie nicht schon immer eine Arbeiterin in einem Börsen-Bienenstock sein und zusammen mit dem Rest des Insektenvolks auf süße Gewinne spekulieren? MoneyBee gibt Ihnen die Chance. Der Client simuliert ein lernfähiges neuronales Netz, das anhand der Analyse alter Börsenereignisse langsam immer bessere Vorhersagen liefern soll. Seine Ergebnisse schickt er an die 'Bienenstock'-Datenbank, wo sie dann alle rechnenden Mitglieder einsehen können. Das Programm installiert sich als Bildschirmschoner, der die eigene Lernkurve anzeigt. Der Besitzer kann also zusehen, wie seine künstlichen Finanzneuronen immer besser zusammenarbeiten.
So können die mittlerweile über 10 000 Bienen Geld mit Aktien machen, die Prognosen sollen ihnen dabei helfen. Doch wie verdient die Firma i42 GmbH, von der Infrasturktur und Software stammen, ihre Honigbrötchen? Im Augenblick fährt die Geldbiene noch Verluste ein, soll sich jedoch durch den Verkauf ihrer Vorhersagen bald in die Gewinnzone erheben. Denn Banken können mit Prognosen erheblich mehr anfangen als klein Paul, der auf Papis PC sein Taschengeld verwaltet. Die Spezialisten leiten aus den Prognosen wertvolle Tipps für ihre Kunden ab, ein Service, der meist sehr einträglich ist. MoneyBee steht in Verhandlungen mit Banken, die zwar schon einen guten ersten Eindruck gewonnen hätten, aber lieber die Langzeitleistung des Bienenstocks abwarten. Und Langzeitleistung bedeutet für eine Bank: mehrere fette Jahre. Das goldige Insekt fliegt erst seit September 2000.
Nach Aussagen von i42 liefert das neuronale Netz schon heute sehr gute Ergebnisse, die auch praxistauglich seien. Zusätzlich kann der mitarbeitende Spekulant die Qualität der Prognosen auch anhand von Tabellen beurteilen. Auf diese Transparenz ist man bei MoneyBee ganz besonder stolz, da man sie bei keinem anderen System - etwa den Großrechnersimulationen der Geldinstitute - angetroffen hätte.
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Clemens Gleich
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